Hippokrates

Hippokrates ist Anfang und Ende einer geschichtlichen Entwicklungsreihe, er ist Vergangenheit und Gegenwart zugleich. Heute wieder sprechen wir davon, daß wir einer hippokratischen Heilkunde zustreben wollen, obwohl der Mann, auf den wir neuzeitlichen Ärzte uns berufen, 2500 Jahre vor uns gelebt hat.

Hippokrates wurde auf Kos, einer Insel in der Nähe der kleinasiatischen Küste, geboren und lebte von 460 bis 377 v. Chr. Er gehörte dem Geschlecht der Asklepiaden an, das seine Herkunft auf Asklepios, den Gott der Heilkunst, zurückführte und in seiner Familienüberlieferung das medizinische Heilwesen pflegte.

Hippokrates wuchs als Sohn eines Arztes und als Mitglied eines Arztgeschlechts im Wissen und in der Erfahrung um die Heilkunde auf und wurde selbst zum Arzt ausgebildet. Nach Vollendung seiner Studien übte er, wie viele seiner Kollegen im fünften Jahrhundert v. Chr., seine Kunst auf der Wanderschaft durch ganz Griechenland aus. An zahlreichen Orten hat er als Arzt gewirkt. In den „Gesprächen“ Platons wird seiner als eines berühmten Arztes Erwähnung getan.

Hippokrates ist nicht Anfang der Heilkunde. Das, was er uns überliefert hat, haben schon Jahrhunderte vor ihm geschaffen. Die heilkundlichen Erfahrungen der Ägypter, Babylonier und Inder müssen ihm zugeströmt sein.

Reiche eigene Erfahrung und Gedankenarbeit haben das überlieferte Material jedoch gesichtet, geordnet, erweitert, eine große Zahl von Schülern hat ihren Fleiß hinzugefügt, und so entstand im Laufe vieler Jahre ein ärztliches Schrifttum, in dem die Arbeiten des Meisters mit denen seiner Schüler und Anhänger vermischt worden sind. Die geistige Hinterlassenschaft des Hippokrates ist deshalb nicht als Werk eines einzelnen, sondern vielmehr als das einer großen Ärztegruppe zu werten. Wir finden hier denselben Vorgang, wie er bis in die neueste Zeit zu beobachten ist: ein Genie macht „Schule“, gleichviel ob es sich um Medizin, Philosophie oder Kunst handelt.

Die Schule von Kos vertrat unter dem Einfluß von Hippokrates die Lehre, Heilkunde sei ärztliche Kunst. Sie pflegte die große Überschau über das Geschehen in Krankheitstagen und widmete der Natur des einzelnen die größte Aufmerksamkeit. Vom Arzt wurde nicht nur Ausbildung, sondern künstlerische Begabung verlangt. Zum Arzt müsse man, wie zum Künstler, geboren sein. Über diese Auffassung des Hippokrates sind uns einige Aussprüche erhalten gebheben: „Von allen Künsten ist die ärztliche Kunst die vornehmste“ und „Gleich allen anderen Künsten sind auch hier in der ärztlichen Kunst die Künsder in bezug auf Geschicklichkeit der Hand und geistige Erfassung wesentlich voneinander verschieden“.

Das, was an der Heilkunde lehrbar und lernbar sei, das seien Krankheitserkennung (Diagnostik) und Krankheitsvoraussage (Prognostik). Nicht dagegen lehrbar sei die Fähigkeit, einen Kranken zum Gesundwerden hinzuführen. Das sei Ausdruck ärztlicher Kunst und als solche angeboren wie jede andere Kunst.

Hippokrates erkannte also klar: Während der wissenschaftliche Arzt die Behandlung nach festen Regeln und Gesetzen leitet, die gleichen Krankheiten bei verschiedenen Menschen immer gleich behandelt, weil er sich nach der Krankheit und nicht nach dem kranken Menschen richtet, kennt zwar auch der künstlerisch eingestellte Arzt aus seiner Krankheitslehre heraus allgemeine Behandlungsregeln, darüber hinaus aber behandelt er von Fall zu Fall, je nach den im Augenblick vorliegenden Besonderheiten, nach der freien Intuition. Gesetze und Regeln verlangen Wissen, Intuition dagegen setzt künstlerische Begabung voraus. Vom Arzt dürfe man nicht nur Kenntnisse und Erfahrungen verlangen, sondern der Arzt müsse in erster Linie Persönlichkeit sein, verlangt Hippokrates. Zur Entwicklung dieser Persönlichkeit trage nichts mehr bei als eine philosophische Durchbildung. Von Hippokrates stammt das vielangeführte Wort, daß ein die Philosophie hebender Arzt gottähnlich sei.

Der beste Arzt des Kranken sei seine eigene, in ihm wohnende Lebenskraft. Diese finde aus sich selbst heraus Mittel und Wege, die zur Heilung führen müssen; sie arbeite nicht etwa mit Überlegung, sondern ganz unbewußt in dem Sinne, wie das Blinzeln der Augen und das Schmecken der Zunge natürliche, unbewußte Hilfeleistungen des Körpers in der Abwehr von Schädigungen und Störungen seien. „Ohne Erziehung wirkt die Lebenskraft und ohne Schule leistet sie das Notwendigste.“

Der Kranke müsse sich seinem Leiden unter dem Beistände des Arztes widersetzen, dabei sei es oberstes Gesetz für den Arzt, niemals zu schaden. Er dürfe stets nur auf die Nützlichkeit seiner Behandlung bedacht sein. Dabei müsse der Arzt sich stets klar vor Augen halten, daß ein großer Teil aller Krankheiten, die er zu behandeln habe, auch von selbst ohne seinen Beistand heile.

Ein tüchtiger Arzt, sagt Hippokrates, beruhige stets seinen Kranken. So ernst der Kranke es auch nehme, und so eilig er es auch habe, gesund zu werden, so wenig dürfe der Arzt sich beunruhigen lassen. Es sei nicht genug, wenn der Arzt seine Verordnungen gegeben habe, er müsse sich darüber hinaus bemühen, das im Kranken vorhandene Mißtrauen gegen das Gesundwerden zu beseitigen. Der Arzt müsse auf das Gemüt seines Kranken Einfluß nehmen, er müsse ihn aufmuntern, stets dagegen kämpfen, daß der Kranke sich selbst aufgibt, denn Mut und Heiterkeit des Kranken seien nötige Voraussetzungen für den Eintritt der Gesundheit. „Heiterkeit entlastet das Herz.“

Die Gesundheit erhalte sich durch richtige Mischung der Körpersäfte, sagt Hippokrates. Sobald eine falsche Mischung der Säfte auftrete, entstehe Krankheit; auch wenn die Krankheiten einen verschiedenen Sitz und die verschiedenartigsten Äußerungen hätten, so hege ihnen doch ein und dasselbe Wesen zugrunde, nämlich die falsche Mischung der Säfte.

Als Ursachen für eine fehlerhafte Mischung der Säfte kämen in Frage solche, die vom Willen des Menschen abhängig sind, wie: Schädigung durch die Ernährung, den Beruf und durch ausschweifenden Lebenswandel. In der Behandlung müsse man gerade auf die verschiedenen Altersstufen Rücksicht nehmen, da sie in ihren Bedürfnissen und Reaktionsweisen sehr voneinander abwichen. Die genannten Ursachen führten eine fehlerhafte Mischung der Körpersäfte herbei, d. h. sie störten die Lebensharmonie, riefen ein gestörtes Gleichgewicht der Lebenstätigkeit hervor.

Zur Abwehr und zum Kampf gegen die gestörte Lebensharmonie entwickle der Körper die Krankheit, in deren Sinn und Bedeutung es hege, zu heilen.

Hippokrates faßt also die Krankheit auf als einen Kampf des lebendigen Organismus gegen eine vorangegangene Schädigung, gegen eine Gleichgewichtsstörung.

Die richtige Erkennung und Beurteilung von Krankheiten sei wichtig und wertvoll, aber sie genüge nicht. Der Krankheit voran gehe eine Gleichgewichtsstörung, eine mehr oder weniger schleichende Störung der Lebensharmonie, die sich in Zerschlagenheit, Mattigkeit, Appetitlosigkeit, Reizbarkeit, Schlafsucht und Schmerzen äußern könne. Schon durch ein Mißverhältnis zwischen Nahrungsmenge und körperlicher Ausarbeitung könnten solche Vorboten zustande kommen. Es sei nötig, sie rechtzeitig als solche zu erkennen und zu behandeln, bevor sich noch die Krankheit ganz entwickeln könne. Dieses Vorauserkennen, die Prodiagnostik, stelle an die Beobachtungsgabe, an die Einfühlungsfähigkeit des Arztes große Anforderungen. Sie sei nicht Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern vielmehr künstlerischer Veranlagung.

Wenn Krankheiten aus einer falschen Lebensweise entstehen, sagt Hippokrates, so können sie auch durch richtige Lebensweise wieder geheilt werden. Die Behandlung müsse dem Anlaß der Krankheit entgegengesetzt gestaltet werden, d. h. die Lebensweise bedürfe in solchen Fällen der Umstellung.

Die Behandlung erfolgt bei Hippokrates durch Fasten oder Mästen, gesteigerte oder verminderte Aufnahme von Flüssigkeit, Baden oder Nichtbaden, Arbeiten oder Ruhe, Schlafen oder Wachen. Zuviel Schlaf und zuwenig Schlaf seien in der gleichen Weise schädlich. Hippokrates kannte die große Bedeutung der Haut und empfahl ihre Behandlung zu Heilzwecken. Er kannte das Nacktgehen in der Luft (Luftbäder) und versprach sich davon besonders eine Bekämpfung der Fettsucht.

An Arzneien verwandte Hippokrates hauptsächlich pflanzliche Drogen. Er suchte von ihnen sowenig wie möglich Gebrauch zu machen und behandelte in erster Linie mit der Lebensordnung, der Diät im weitesten Sinne des Wortes. Seine Methodik stimmt mit der von der heutigen Naturheilkunde angewandten weitgehend überein.

Hippokrates verordnete Fasten, Vollkornbrot, Obst und Rohgemüse. Wer dies liest, wird zweifelnd den Kopf schütteln. Sind nicht die hier genannten Nahrungsbestandteile und Ernährungsmethoden eine Erkenntnis der allerletzten Zeit? Hat wirklich Hippokrates schon 400 Jahre v. Chr. vom Fasten, von Vollkornbrot, von der günstigen Wirkung von Obst- und Rohkostkuren etwas gewußt? Wir werden ganz bescheiden, wenn wir uns davon überzeugt haben, daß das, was wir als neue Errungenschaften angesehen haben, in Wirklichkeit eine uralte Erkenntnis ist.

Wer eine Abmagerungskur machen wolle, dürfe zum Essen nichts trinken, höchstens geraume Zeit nach dem Essen. Dadurch komme eine Austrocknung des Körpers und eine Beseitigung der wässerigen Anschwellung zustande.

Von den Wasseranwendungen hält Hippokrates sehr viel. Sie würden vielen Kranken Hilfe bringen, meint er, gleichviel ob man sie ständig oder nur vorübergehend gebrauche. Allerdings bedürfe es einer großen Erfahrung, um mit den Wasseranwendungen nicht zu schaden, denn sowohl zu heißes als zu kaltes Wasser könne nachteilig wirken, ebenso wenn man die Anwendungen zu häufig einsetze.

Bei akuten fieberhaften Krankheiten empfahl Hippokrates das Hauptmittel der heutigen Naturheilkunde, nämlich das Fasten mit gleichzeitiger ausgiebiger Entleerung des Darmes. Man faste, sagt Hippokrates, mit Säften, Wasser oder Gerstenschleim und reinige den Darm durch Abführen mit Klistieren, Abführmitteln oder Stuhlzäpfchen. Seien die Atmungsorgane mitbefallen, so bewähre sich besonders Honigwasser, um den Husten zu lindern, den Schleim zu lockern und seine Auswertung zu erleichtern. Honigwasser steigere auch die Ausscheidung des Urins.

Bei fieberhaften Krankheiten, die eine Kräfteanstrengung des Körpers zur Überwindung einer vorangegangenen Schädigung darstellen, dürfe man den Körper nicht zu stark behandeln. Denn eine solche starke Behandlung strenge an und belaste dadurch den bereits durch das Fieber angestrengten Körper.

Hippokrates war ein wirklicher und echter Klassiker der Naturheilkunde. Mögen deshalb die unbefriedigten und suchenden Ärzte zu ihm zurückgehen, sie gewinnen an ihm ein Verständnis für die moderne Naturheilbewegung. Die Rückkehr zum „Vater der Heilkunst“, zu Hippokrates, ist deshalb ein vorzüglicher Weg, um zu einer „Synthese“ zwischen wissenschaftlicher Medizin und Naturheilkunde zu gelangen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.